Deutsche Musiktherapeutische Vereinigung zur Förderung des Konzeptes nach Schwabe e. V.

Tagungen

Logo DMVS e. V.
Sie sind hier: Home > Tagungen

Musik- und Kunstfestival mit wissenschaftlichem Forum 2008

 

Bilder dazu gibt es hier.

Das war unser Musik- und Kunstfestival

 

Vom 27.6. bis 29.6.08 fand in Sondershausen in Thüringen das Musik- und Kunstfestival mit wissenschaftlichem Forum, veranstaltet von der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung zur Förderung des Konzeptes nach Schwabe e.V. (DMVS e.V.) und der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie (KHS), Medizinische Sektion am Goetheanum, Dornach (Schweiz) statt.

Anliegen des Festivals war es, dass „Menschen mit vielerlei Begabungen und mancherlei Behinderungen miteinander musizieren, spielen, tanzen, gestalten, reden, hören, diskutieren, singen…“ - so auch der Untertitel des Festivals. Um es vorwegzunehmen - das ist uns zu unserer großen Freude in hohem Maße gelungen, vieles übertraf sogar unsere Erwartungen.

 

Die Idee

 

Aber zunächst ist es uns wichtig, in einem Rückblick etwas darüber zu berichten, wie es dazu kam, dass dieses Festival stattfinden konnte. Die Idee hierzu hatten Herr Prof. Peter Petersen, emeritierter Professor am Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien in Hannover, und Herr Dr. Christoph Schwabe, Lehrmusiktherapeut, Gründer und bis 2005 Leiter der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen. Sie stellten fest, dass einerseits viel zu oft auf Tagungen und Kongressen über Menschen mit einer Behinderung gesprochen wird und andererseits deren künstlerische Beiträge bei Veranstaltungen künstlerischer Therapeuten oft nur Rahmenprogramm sind. Außerdem waren Herr Petersen und Herr Schwabe aus eigenem Erleben begeistert von den Begabungen und Talenten so genannter behinderter Menschen in der bildenden Kunst, Theater, Tanz und Musik. Um diese Leistungen mehr in den Blickpunkt einer breiten öffentlichkeit zu rücken, erschien die Form eines Festivals als geeignete Möglichkeit.

Gleichzeitig sollte das Thema aber auch von der wissenschaftlichen Seite beleuchtet und die Verbindung zwischen dieser und der unmittelbar handlungspraktischen Ebene hergestellt werden. Die Frage, was Therapie für Menschen mit Behinderung ist und wie sie aussehen kann, wie sie sich von Pädagogik und Betreuung abgrenzt und was sie mit diesen gemeinsam hat, ist eine wichtige, auf der theoretischen Ebene noch zu wenig geklärte, geschweige denn gelöste, Frage. Überlegungen zu dieser Thematik sollte sich ein parallel stattfindendes wissenschaftliches Forum widmen.

Die Organisation führte dann zu einer sehr erfreulichen Kooperation zwischen der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung zur Förderung des Konzeptes nach Schwabe e.V. (DMVS e.V.) und der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie (KHS) aus Dornach in der Schweiz, vertreten durch deren Leiter, Herrn Dr. Rüdiger Grimm.

 

Die Vorbereitung

 

Die Vorbereitungen für das Festival begannen im November 2006. Die Initiatoren Peter Petersen und Christoph Schwabe fanden engagierte Menschen, die ehrenamtlich mit der Organisation begannen. Erste Aufgaben waren zum einen inhaltlich-übergreifende Überlegungen, das Anliegen des Festivals und die Möglichkeiten seiner Umsetzung zu konkretisieren, zum anderen musste geklärt werden, welches Publikum angesprochen werden soll. Letzteres diskutierten wir ausführlich. Einerseits ging es darum, eine breite Öffentlichkeit für dieses Thema zu interessieren. Andererseits erschien es sehr wahrscheinlich, dass unser Projekt bei Menschen, die zum Thema Behinderung einen Bezug haben - ob nun beruflich oder privat - auf großes Interesse stoßen würde. Wir versuchten, eine Lösung zu finden, durch entsprechende Werbung beide Gruppen anzusprechen.

Daneben versuchten wir, Kollegen unterschiedlicher Profession und therapeutischer Ansätze zu gewinnen, die sich mit der wissenschaftlichen Seite künstlerisch-therapeutischer Möglichkeiten in der „Behindertenarbeit“ auseinandersetzen.

Außerdem beschäftigten wir uns mit Finanzierungsmöglichkeiten und schickten das Konzept unseres Projektes an viele Stiftungen, Vereine und weitere mögliche Sponsoren.

Gleichzeitig begaben wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Veranstaltungsort. Diesen Ort fanden wir auf geradezu ideale Weise in der Landesmusikakademie Thüringen mit Sitz im Schloss Sondershausen. Ein wichtiger Punkt für diese Wahl war die Öffentlichkeit der Einrichtung. Wir wollten keine abgeschlossene Einrichtung für behinderte Menschen als Festivalort, sondern einen öffentlichen Ort, um Öffentlichkeit zu interessieren und um die künstlerischen Leistungen mit einer angemessenen Bühne zu würdigen. Bei der Besichtigung der Landesmusikakademie erlebten wir außerdem ein großes Entgegenkommen und eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern und der Leitung der Landesmusikakademie.

Wichtig wurde danach für uns die Erstellung eines „Call for papers - call for Artists“, um mögliche mitwirkende Künstler und Referenten anzusprechen. Wir waren überrascht von der großen Resonanz. Nach der Sichtung der eingegangenen Bewerbungen für künstlerische Beiträge, Vorträge, Ausstellungen und Workshops trafen wir eine Vorauswahl und begannen mit der organisatorischen und inhaltlich-konkreten Planung des Festivals. So entstand das Programm für ein dreitägiges Festival, einschließlich eines wissenschaftlichen Forums, wie im Programmheft ersichtlich. Es gelang uns, eine breite Vielfalt an künstlerischen Darbietungen, Plenumsvorträgen und geselligem Miteinander auf gute Weise zu verbinden. Besondere Programmpunkte waren auch die Ausstellungseröffnungen am Samstagvormittag, das wissenschaftliche Forum am Samstagnachmittag und die parallel dazu angebotenen Workshops sowie der „FeierAbend“ am Samstag, der spontanen künstlerischen Beiträgen der Gäste und Mitwirkenden Raum gab.

Die graphische Gestaltung und der Druck des Programmheftes waren die nächsten Aufgaben. Nach der Fertigstellung wurden ca. 3000 Programmhefte/Einladungen an die verschiedensten Institutionen, Verbände und Einrichtungen in Deutschland und der Schweiz verschickt. Weiterer Bestandteil der Werbung waren Informationen, die wir an Fach- und Lokalpresse sowie an den Rundfunk gaben. Großes Interesse zeigte der Sender mdr-figaro, der während des Festivals eine Reportage produzierte und diese auch in der Woche nach dem Festival sendete. Auch das Internet als Informations- und Anmeldemöglichkeit nutzten wir.

Während der Vorbereitungen standen wir natürlich in regelmäßigem Kontakt zu den Mitwirkenden, um Details wie Honorar, Übernachtungsmöglichkeiten und benötigte Technik zu klären.

Organisatorische Aufgaben, wie Catering-Service, Bereitstellung der Technik, Planung der Raumaufteilung, besondere Wünsche von Mitwirkenden und Gästen und ähnliche „Kleinigkeiten“ beschäftigten uns vor allem in den Wochen vor dem Festival.

Letzte Vorbereitungen fanden dann vor Ort in Sondershausen statt, so dass wir tatsächlich zu Beginn des Festivals das Gefühl hatten, jetzt ist alles bereit.

 

Das Festival

 

Alle im Programmheft angekündigten Künstler, Künstlergruppen, Referenten und Workshopveranstalter reisten zum Festival an, so dass der Ablauf des Festivals wie geplant stattfinden konnte.

Das heißt in konkreten Zahlen:

Über diese Zahlen hinaus, die Aussagen über die Quantität treffen, muss natürlich die Qualität der Beiträge betrachtet werden. Es gab viele bewegende Momente für Künstler und Zuschauer und auch für uns als Initiatoren und Organisatoren, die durch die hohe Intensität der künstlerischen Darbietungen entstanden. Hier sangen, musizierten und spielten Menschen mit Freude und gleichzeitig einem hohen künstlerischen Anspruch an das, was sie darboten. Begeisterung und Professionalität waren bei allen Darbietungen zu spüren. Auffallend waren auch das große Interesse und die Wertschätzung der Teilnehmer für die Beiträge der anderen Künstler. Große Aufmerksamkeit, Nachfragen, viele Begegnungen zwischen den Darbietungen und oftmals sehr langer Beifall waren Zeichen dafür. Großen Anklang fanden auch die bereitgestellten Angebote der Ruheräume, der Räume zur Begegnung und zum Spielen sowie die Möglichkeit bei schönem Wetter im Freien verweilen zu können.

Wie auch im Gästebuch zu lesen ist, waren die Reaktionen und Kommentare seitens der Künstler, Referenten und Gäste sehr positiv.

Ein bedenkenswerter Punkt war für die Organisatoren des Festivals (aber auch für viele Gäste) die geringe Resonanz der Öffentlichkeit auf das Festival. Mit einer Zahl von ca. 70 Gästen (im Vergleich zu etwa 200 Mitwirkenden) blieben wir weit unter den Erwartungen an das Interesse, das wir uns von Musiktherapeuten, Heilpädagogen, Mitarbeitern im Bereich der „Behindertenarbeit“ und einer interessierten Öffentlichkeit erwartet hatten. Wir fragten uns kritisch nach Schwachstellen in der eigenen Vorbereitung (ungünstiger oder zu später Zeitpunkt der Versendung der Programmhefte), mussten aber auch erkennen, dass immer noch zu wenig Interesse für das Leben, die Fähigkeiten und künstlerischen Potenziale von Menschen mit Behinderungen besteht.

Wir stellten aber auch fest, dass das kein Grund zur Entmutigung ist, eher ein Ansporn für künftige Aktivitäten, die auch von vielen Teilnehmern angesprochen und gewünscht wurden.

 

Die Nachbereitung

 

Eine Nachbereitung des Festivals fand auf mehreren Ebenen statt.

Zum einen setzte sich das Organisationsteam nach Abschluss des Festivals zusammen, um eigene Eindrücke und die der Mitwirkenden und Gästen berichteten auszutauschen. Fragen des Ablaufs und der Organisation wurden besprochen, diskutiert und protokolliert.

Eine Auswertung des Festivals mit den Vorständen der beiden veranstaltenden Vereine fand ebenfalls statt. Hier standen neben organisatorischen Fragen vor allem auch inhaltlich-konzeptionelle Aspekte der Auswertung im Vordergrund. Dabei wurde insbesondere die oben angesprochene Bedeutung des wissenschaftlichen Herangehens an die Thematik betont, die es neben allen künstlerischen, geselligen und erlebnisorientierten Angeboten auszubauen gilt.

Außerdem waren umfangreiche abrechnungstechnische Aufgaben zu erledigen.

Eine mediale Aufbereitung des Festivals war ein weiterer wichtiger Punkt der Nachbereitung. Wir entschlossen uns zu einer Dokumentation in Form einer Multimedia-CD, deren Bestandteile Berichte über das Festival, über 300 ausgewählte Fotos, das Programm des Festivals, das Gästebuch, die Referate im Plenum und im wissenschaftlichen Forum, Informationen über die Mitwirkenden und der Rundfunkbeitrag von mdr-figaro sind.

Auch in der Nachbereitung nutzten wir das Internet. Auf den Seiten der Veranstalter sind Fotos und Berichte zu finden.

Wie bereits erwähnt, sendete der Rundfunksender mdr-figaro am 30.6.2008 einen Bericht über das Festival. Einen Impuls für weitere Beiträge gab das Musik- und Kunstfestival ebenfalls - eine mehrteilige Serie über Musiktherapie ist bei mdr-figaro eingeplant.

Berichte über das Festival in musiktherapeutischen, heilpädagogischen und anthroposophischen Fachzeitschriften sind angefragt bzw. bereits realisiert. Die eingeladene Lokalpresse berichtete ebenfalls über die Veranstaltung.

 

Fazit

 

Die Veranstaltung hatte zum Ziel, ein Podium zu bieten, Potenziale und Begabungen von Menschen mit Behinderung im künstlerischen Bereich aufzuzeigen. Die dabei gewählte Form des Festivals, kombiniert mit einem wissenschaftlichen Forum, war in dieser Art neu. Es wurde nicht über Menschen mit Behinderung, sondern mit ihnen gesprochen. Nicht wir „normalen“ Menschen haben ihnen etwas gezeigt, beigebracht, erklärt, sondern es war ein Miteinander, eine Hochachtung für künstlerische Leistungen von Menschen, unabhängig von dem Aspekt einer vorhandenen oder nicht vorhandenen Behinderung. Gemeinsames Erleben von Kunst und der heiteren, ermutigenden Atmosphäre des Festivals schaffte Verbundenheit und lebendige Integration.

Zum Abschluss ein Zitat aus dem Gästebuch, das für uns gleichzeitig Wunsch aber auch Ermutigung zu weiteren Aktivitäten ist: „Es wäre erfreulich, wenn integriertes Miteinander, verbunden mit soviel Schwung zur Selbstverständlichkeit würde.“

 

Rezension über das Wissenschaftliche Symposium "Musiktherapie mit behinderten Menschen - Anliegen und Realität" der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen und der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung Ost e. V.

 

Unter dem Leitgedanken "Satt - Sauber -Seelisch unterernährt?" führten beide Institutionen vom 5. bis 6. Mai 2006 in der Fachklinik Klosterwald in Bad Klosterlausnitz, dem Sitz der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen, ihr diesjähriges wissenschaftliches Symposium durch, und das vor einem kleinen, aber höchst interessierten Kreis von Musiktherapeuten, die zumeist auch im Bereich der Behindertenarbeit musiktherapeutisch tätig sind. Dabei wäre es durchaus wünschenswert gewesen, wenn sich auch Musiktherapieinteressierte und -tätige aus anderen Arbeitsgebieten, insbesondere den klinischen, eingefunden hätten; denn es ging hier nicht nur um die praktische Arbeit, sondern auch und vor allem um zentrale Fragen der Existenz und der Integration von Musiktherapie in die Realität relevanter gesellschaftlicher Kontexte.

 

Wie sagte uns vor einiger Zeit sinngemäß einer der bekanntesten deutschen Psychotherapeuten in einem Gespräch, wo es um die Integration musiktherapeutischer Leistungen in die vielfältigen Arbeitsgebiete der Behindertenarbeit ging:

"Wenn ihr euch diesem Gebiet zuwenden werdet, dann wird euch das keiner wegnehmen." Und seitdem sinnen wir über diesen Ausspruch nach und fragen uns, was das wohl im Einzelnen bedeuten könnte.

Antworten auf diese Frage bieten sich reichlich an. Ich nenne nur die wichtigsten:

Das ist kein lukratives musiktherapeutisches Arbeitsfeld; da kann man keine Lorbeeren ernten. Diese Leute sind doch keine "Therapiefälle", was soll man da "therapieren"? Man kann sich da nicht einmal mit gestandenen Psychotherapeuten messen oder anlegen; auch kann man mit dieser Arbeit nicht bei den Kassen um Anerkennung fechten. Das ist doch viel weniger interessant als beispielsweise die musiktherapeutische Arbeit mit Menschen, die noch gar nicht geboren sind oder Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Essen haben oder Menschen, die die Welt ablehnen oder Menschen, die nicht wissen, dass sie psychisch krank sind usw.

 

Die Vorträge, die ich hörte und/oder moderierte, sagten etwas anderes: Das Ringen um ein wenig mehr seelische Ausgeglichenheit im Chaoszustand eines Kindes oder eines Alten unter den Bedingungen der realen Lebenssituation und das mit musiktherapeutischen Mitteln, das hat uns nicht selten die Tränen in die Augen getrieben, so ergriffen waren wir von der Arbeit unserer Kollegen, und so abenteuerlich spannend ist deren musiktherapeutische Arbeit, einschließlich des Kampfes um Arbeitsberechtigung bei den Bürokraten, den Besserwissern, den Eltern und anderen, die alle "das Beste" für diese Klientel wollen.

 

Ich verbeuge mich vor den Leistungen meiner Kollegen, die in einem Arbeitsgebiet tätig sind, das ich selbst zwar seit Dezennien kenne, aber selbst nie betreten habe. Und ich entdecke mit Staunen und großer Freude, was Musiktherapie in dieser konkreten Anwendungswelt tatsächlich bewirken kann.

Und nun kommt das Interesse des Forschers und fragt: haben wir uns mit diesem Gebiet eigentlich schon ausreichend befasst? Die Antwort ist eindeutig: Nein. Und daraus resultiert: wir sind es den vielen Menschen, die unsere Hilfe benötigen, dringend schuldig, dass wir uns mit dieser Aufgabe möglichst schnell beschäftigen, um unsere Kollegen, die auf diesem Gebiet musiktherapeutisch erfolgreich tätig sind, noch besser auszurüsten. Das betrifft die Spezifik musiktherapeutischen Handelns bei unterschiedlich gearteten Behinderten; das betrifft die Analyse und Konsequenzen von Integrationsbedingungen musiktherapeutischer Leistungen in die vorhandenen Institutionen und Lebensbedingungen Behinderter, das betrifft nicht zuletzt die Auseinandersetzung über die Terminologie solcher Leistungen, die für uns zwar den Charakter von "Musiktherapie" haben, die aber in der Praxis unter diesem Begriff häufig nicht anerkannt werden.

 

Wie die Praxis der einzelnen Vorträge zeigte, laufen musiktherapeutische Leistungen häufig unter abenteuerlichen Begriffen bis hin zur Freizeitgestaltung. (Vielleicht ist Musiktherapie tatsächlich manchmal am besten oder einfachsten umzusetzen in diesem Rahmen!?) Das verlangt von uns aber eine wissenschaftliche Begründung und die Ausdauer eines beharrlichen Weges, damit das, was unser Konzept von Musiktherapie in Wirklichkeit leisten kann, nicht an den Mauern von Begriffsfixierungen scheitern muss.

 

Was "Musiktherapie" zu realisieren vermag, das zeigte uns in zutiefst bewegender Weise die 8. Klasse mit Schülern der Heilpädagogischen Schule Bonnewitz bei Dresden unter Anregung und Leitung von Andrea Rost und Gunther Erpel mit einem, durch diese Klasse unter Anregung von Andrea Rost selbst gestalteten Musiktheater mit Goethes "Zauberlehrling". Was wir "Normalen" da erlebten, machte uns stumm und andächtig. Wir erlebten nämlich, dass "die Behinderten" Ausdrucksstärke und -qualität zeigten, über die mancher von uns in dieser Offenheit und Vielfalt nicht verfügt.

 

Das ist vielleicht das größte Wunder, wenn man sich Menschen zuwendet, für die wir die Bezeichnung "Behinderte" erfunden haben: Diese Menschen verfügen über Qualitäten, die gerade auch durch Musiktherapie geweckt, geschützt und entwickelt werden können, und die in dieser "Reinheit", aber auch "Gefährdetheit" bei uns "anderen" auf Grund unserer Behinderungen durch die Leistungsgesellschaft, in der wir leben, nur noch selten anzutreffen sind.

 

Ist das nicht Grund genug, dass wir Musiktherapeuten uns mit diesem Arbeitsgebiet beschäftigen sollten? Wir, die Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen, haben das erkannt und werden es verstärkt tun und hoffen auf Verbündete, die da mittun.

 

Christoph Schwabe, Vollmershain

 

2. Wissenschaftliche Tagung der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen und der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung Ost e. V.

 

Improvisation - Therapie - Leben

 

Vom 11. bis 14. November 2004 trafen sich in Bad Klosterlausnitz Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz zur 2. Wissenschaftlichen Tagung der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen und der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung Ost (DMVO) e. V., die unter dem Thema stand: Improvisation - Therapie - Leben.

 

Mit diesem Motto ist schon der Spannungsbogen angedeutet, den wir auf dieser Tagung schlagen wollten. Die Plenarvorträge an den beiden Vormittagen sollten Musiktherapeuten unterschiedlicher konzeptioneller Orientierungen ein Forum geben, um das Wesen und die Bedeutung von Improvisation als einer wesentlichen musiktherapeutischen Handlungsart aus ihrer Sicht darzustellen. In diesen sehr dicht gepackten und hohe Konzentration erfordernden Referaten ging es beispielsweise um therapeutische Potenzen, die improvisatorisches Handeln im allgemeinen und musikalische Improvisation im besonderen auszeichnet, um Fragen des Settings, die Rolle des mitspielenden oder z.B. in Gruppenimprovisationen nicht mitspielenden Therapeuten, um die Gestaltung von Improvisationen mit unterschiedlichem Klientel, um Fragen der Ästhetik des "Klimperns und Krachschlagens", aber auch um Forschungsansätze bzw. -ergebnisse. Wir sind dankbar, dass wir dafür eine Reihe prominenter Fachvertreter gewinnen konnten. Diese setzten sich dann im Anschluss an die Vorträge noch einmal in einer Podiumsdiskussion zusammen bzw. auseinander und diskutierten Fragestellungen nach dem Wesen der Improvisation sowie ihren Möglichkeiten und Grenzen in der therapeutischen Praxis. Dabei war es eine besondere Herausforderung, einleitend dazu konzentrierte Statements von je einer Minute Dauer abgeben zu müssen, damit noch genügend Zeit zur Diskussion bleibt. Nach einigen anfänglichen Irritationen entwickelte sich ein recht konstruktives Gespräch, das Tendenzen in Richtung gemeinsamer Auffassungen zu Tage förderte. So wurde beispielsweise die Frage nach dem Zusammenspiel von Struktur und Offenheit bzw. Bindung und Freiheit bei der Gestaltung von Improvisationen wesentlicher als der Streit, ob es nun die "freie" Improvisation an sich gibt oder nicht. Auch bei den Anliegen bzw. Zielen improvisatorischen Handelns gab es Übereinstimmungen im Hinblick auf Begriffe wie "Authentizität" bzw. "individuelle Kompetenz in der Beziehungsgestaltung und im Umgang mit den damit verbundenen Gefühlen". Unterschiedliche Auffassungen bestehen z.B. bei der Frage nach dem mitspielenden oder abstinent wahrnehmenden Therapeuten in der Gruppentherapie sowie dem Umgang mit dem musikalischen Material einer Improvisation.

 

Doch sehen wir schon die Tatsache als einen Erfolg, dass es möglich wurde, ganz konkrete Punkte der Übereinstimmung und der Differenz herauszuarbeiten. Hier besteht aus unserer Sicht auch weiterhin die größte Herausforderung an uns Therapeuten, wenn es um das Thema Forschung geht, und hier ist noch viel zu tun.

 

Die zahlreichen parallel stattfindenden nachmittäglichen Symposien und Workshops sollten Einblicke geben, welche Möglichkeiten Improvisation in ganz unterschiedlichen praktischen Anwendungsbereichen hat. Das Spektrum reichte dabei von der Arbeit in der Psychiatrie und Psychotherapie, über Felder der Sozial- und Behindertenarbeit bis hin zur Begleitung Schwerstkranker und Sterbender. Auch pädagogische Arbeitsfelder spielten keine unwesentliche Rolle.

 

Einige Referenten beschäftigten sich mit der Improvisation als Lebensthema, d. h. mit der Wechselbeziehung zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Halt gebender Struktur und Aufbruchsimpulsen aus einer Sicherheit, die zur Eintönigkeit und Erstarrung führen kann. Dieses Thema griff dann zum Abschluss der Tagung Friedrich Schorlemmer in seiner aufrüttelnden Rede zum Thema "Freiheit und Verantwortung" auf und hinterließ eine große Nachdenklichkeit und innere Bewegtheit bei den Teilnehmern. Diese setzte sich fort beim hinreißenden Spiel der RambaZamba - Compagnie, einer Theatergruppe, bestehend aus Schauspielerinnen und Schauspielern mit so genannter geistiger Behinderung, die unter dem Titel "Orpheus ohne Echo" ein altes großes Thema auf eine so unnachahmliche Weise spielten, sangen und tanzten, dass es ans Herz ging. Der Applaus und die Bewunderung für diese großartige Leistung wollten kein Ende nehmen, und die Schauspieler genossen es sichtlich.

 

Nicht unerwähnt bleiben soll abschließend, dass die Tagung neben dem offiziellen Programm Möglichkeiten der persönlichen Begegnung zwischen Kollegen aus unterschiedlichen Landstrichen, Verbänden und Schulen bot, die allerdings durch die Fülle der Angebote und eine hin und wieder spürbare gegenseitige Reserviertheit nur begrenzten Raum hatten. Hier wurde der Wunsch nach mehr laut.

 

Bei der Gestaltung der Abende erwies es sich als günstig, dass Musiktherapeuten sich ihre Musik selber machen können und dass dies kein Beiprogramm, sondern Teil der Tagung war. So gab es Barockmusik, gespielt vom Ensemble "Sächsundpreußisch", das, wie der Name es ahnen lässt, aus Kollegen unterschiedlicher Verbände bestand, die zwischen Thüringen und Hamburg beheimatet sind; es gab "Musikalische Gesellschaftsspiele", zu denen jeder spontan beitragen konnte, es gab Lieder, Klavier- und Tanzimprovisationen, und es gab nicht nur zum Abschluss dieses hinreißende Theater, sondern auch am Beginn der Tagung ein Singspiel, dargeboten von Schülern einer Heilpädagogischen Schule, die uns im Wissen entließ, dass nicht nur wir Therapeuten es sind, die etwas zu geben haben.

 

Ulrike Haase