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Deutsche Musiktherapeutische Vereinigung zur Förderung des Konzeptes nach Schwabe e. V.

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"Wahrnehmen, Wahrnehmungsreflexion, Wahrnehmungsverständnis - universelle oder spezifisch musiktherapeutische Prinzipien" - Erlebnisbericht zur 6. Wissenschaftlichen Tagung 2009

 

Offen und neugierig fuhr ich zur Tagung "Wahrnehmen, Wahrnehmungsreflexion, Wahrnehmungsverständnis…". Und ich erlebte die Tage, die Beiträge dort ganz gegenwärtig, im Schnittpunkt von Vergangenem und Künftigem, nach Kierkegaard: das Leben "vorwärts lebend", es aber "rückwärts verstehend". Äußerten sich doch unter den Referenten verschiedener Bereiche auch die Väter der Regulativen Musiktherapie (RMT),Christoph Schwabe und Helmut Röhrborn sowie jahrzehntelang wirkende Wegbegleiter wie Michael Geyer, Hans-Joachim Maaz und Axel Reinhardt und zeigte sich zugleich die Aktualität und das in die Zukunft weisende Potenzial ihrer Positionen.

 

Die Chefärztin der Klinik und Tagungsstätte nannte in herzlichen Begrüßungsworten Wahrnehmungen "Fenster zur Welt". C. Nachtigall, Diplom-Mathematiker und -Psychologe der Universität Jena, beschrieb Wahrnehmen als aktiven Prozess des Konstruierens, bei dem Kategorisierungsvorgänge effektiv und zugleich verfälschend wirken, womit verantwortlich umzugehen ist. Einer Sache Aufmerksamkeit widmen in ursächlicher Bedeutung meint keine selektive, bewertende Sicht. H.-J. Maaz stellte seine Auffassungen von Zusammenhängen zwischen individuellen Mütterlichkeits- und Väterlichkeitsstörungen und auch kollektiven Wahrnehmungsstörungen dar.

 

So bietet sich Wahrnehmung als zentraler Begriff und als Bindeglied zwischen den Therapien und Schulen an, gerade wenn M. Geyer pointiert feststellt, es gäbe nicht gute oder schlechte Psychotherapie-Methoden, sondern nur gute oder schlechte Psychotherapeuten.

Das im Kausalitätsprinzip der RMT erfasste akzeptierend differenzierende Wahrnehmen von Angenehmem und Unangenehmem weist wohl mehr Nähe zu Ursprünglichem auf als zu Modeströmungen, etwa oberflächlichen Erklärungen von "Achtsamkeit" (interessant dazu u. a. die von Frau Rumler-Kim hergestellten inhaltlichen Bezüge zum Zen-Buddhismus).

 

Wenn im hochkomplexen Prozess der PT zur Beförderung seelischer Gesundheit Bewegung ins System gebracht werden muss (Geyer), so können gerade in der RMT im Wahrnehmungsraum Musik entsprechende Affekte ausgelöst und reguliert werden, in pendelnder Aufmerksamkeit zwischen innen und außen (Haase). E. Geiger und C. Maack beschrieben als Vertreter der GIM nach Helen Bonny verbale Begleitung im laufenden Wahrnehmungsprozess; in der RMT äußert sich der Patient erst im Nachhinein in emotional-kognitiver Betrachtungsweise (auf das Gebot, nicht vorschnell zu deuten, zu interpretieren wurde mehrfach verwiesen). Interessant wäre weiterer Austausch aus verschiedenen Blickrichtungen, wie im Podiumsgespräch dazu angeregt. Motivierend wirkten auf mich in Bad Klosterlausnitz wissenschaftliche und Erlebnis-Berichte und natürlich Musik, konsumiert und produziert.- Ein besonderes Dankeschön an Matthias Trommler und die neuen Kammermusikanten!

 

Dr. Christine Adler

 

Bilder zur 6. Wissenschaftlichen Tagung 2009 finden Sie in der Bildergalerie.

 

"Schlage die Trommel und fürchte Dich nicht…"
Wunsch und Wirklichkeit musiktherapeutischer Arbeit auf dem 7. Sächsischen Musiktherapietag in Görlitz

 

Dr. med. Hans–Martin RotheUnter dem Motto "Auf der Suche nach dem rechten Platz" fand vom 31.10. – 01.11.2008 im Städtischen Klinikum Görlitz der 7. Sächsische Musiktherapietag statt. Die Deutsche Musiktherapeutische Vereinigung zur Förderung des Konzeptes nach Schwabe e.V. ( DMVS e.V.) hatte zu dieser Tagung in das sorgfältig sanierte Gründerzeitgebäude des Klinikums eingeladen und mehr als fünfzig haupt- und nebenberuflich musiktherapeutisch Tätige kamen, um breitgefächerte Erfahrungen aus ihrer Praxis miteinander auszutauschen. Gastgeber war das multiprofessionelle Team der dortigen Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie unter Leitung von Dr. med. Hans–Martin Rothe.

 

Nach den Grußworten von Veranstalter und Gastgeber schritt Christoph Schwabe in seinem Vortrag zunächst die – wie er sagte - "Wegmarken" der wissenschaftlichen Entwicklung dieser Musiktherapieform ab, die seit jeher eng an Praxis mit ihren bestimmten institutionellen Bedingungen gekoppelt war und ist. So entstand die Musiktherapie nach Schwabe in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts an der Abteilung für Psychotherapie und Neurosenforschung der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Leipzig. Den Rahmen dafür bildeten in einer für damalige DDR-Verhältnisse seltenen Synthese ein interdisziplinäres Forscher- und Therapeutenteam unter der Leitung von Christa Kohler, welches in Auseinandersetzung mit den erstarrten materialistischen Positionen einerseits und dem zugänglichen Quellenmaterial der psychoanalytischen Schulen andererseits eine richtungweisende, zunächst einheitliche Psychotherapiekonzeption mit eigenständigen, erkenntnistheoretisch fundierten Grundsätzen entwickelte. Kernstück der Musiktherapie nach Schwabe ist das sogenannte Kausalitätsprinzip, das dem musiktherapeutischen Handeln zugrunde liegt, nämlich:

 

Das Besondere daran sei,Christoph Schwabe so Schwabe, dass der von Anfang an schulenübergreifende Charakter des Konzepts seinen Einsatz nicht nur im klinischen Bereich ermöglicht, in dem es seinerseits entwickelt wurde, sondern dass sich seine Anwendungsgebiete mittlerweile bis in den sozialen, pädagogischen und präventiven Bereich hinein entwickelt haben. Am Ende seiner immer wieder mit biographischen Erfahrungen und beruflichen Herausforderungen verknüpften Ausführungen charakterisierte Christoph Schwabe den Beruf des Musiktherapeuten als einen Drahtseilakt, der – weder in ärztliche noch in pflegerische Hierarchien eingebunden - besondere Sensibilität, Anpassungsvermögen, angemessenes Selbstbewusstsein und vor allem ein solides "Handwerk" verlange, für das Supervision besonders wichtig sei. Gleichzeitig mahnte er, sich nicht in ärztliche Befugnisse einzumischen und die eigenen Erwartungen an Akzeptanz nicht zu überschätzen.

 

Der Aspekt der multiprofessionellen Teamarbeit Frau Prof. Dr. Susanne Metznerwurde durch zwei weitere Referate von verschiedenen Seiten beleuchtet. Unter dem Titel "Unmöglich nicht verwirrt zu sein" erläuterte Frau Prof. Dr. Susanne Metzner, Magdeburg, anhand eines Fallbeispiels das Bestreben eines psychodynamisch arbeitenden Teams, therapeutische Interventionen so aufeinander abzustimmen, dass zwischen Patient, Angehörigen und Therapeuten eine Art soziales Netzwerk entsteht. Die dabei auftretenden Störungen könnten, so Metzner, gewissermaßen als "Reinszenierung", häufig Aufschluss auch über die intrapsychischen "Verwirrungen" des Klienten geben und deren heilsame Bearbeitung erleichtern. Der Eigenwert der Musiktherapie als nonverbale Kommunikation wurde in diesem Zusammenhang nicht nur für die Behandlung, sondern ebenso für die Diagnostik von Störungen innerhalb dieses Systems hervorgehoben.

 

Den Heimvorteil des unmittelbar Anschaulichen nutzte das therapeutische Team der gastgebenden Görlitzer Klinik und zeigte am Beispiel einer Patientin mit psychosomatisch verursachtem Schmerzsyndrom, wie unterschiedlich und trotzdem kohärent der Blickwinkel von ärztlicher, psychologischer, sozialpädagogischer und pflegerischer Seite auf die Arbeit mit musiktherapeutischen Mitteln sein kann. Aus der Sicht des Klinikleiters sei Musiktherapie eine "Brückentherapie", um "das noch nicht Gespürte klarer zu fassen"; sie sei, formulierte Dr. Rothe, "dann recht, wenn sie mit ihren Mitteln den Zustand des Patienten so verbessern kann, wie das mit anderen eben nicht geht." Die Sozialarbeiterin des Teams, selbst ausgebildete Musiktherapeutin der DMVS, ergänzte diese Ansicht mit ihrem Erleben, dass Musiktherapie als nonverbale Methode, etwas anzusprechen oder Schmerzen "hörbar" zu machen, nicht etwas bewirken MUSS, sondern von sich aus WIRKT.

 

Die sich anschließende Diskussion beschäftigte sich lebhaft, auch humorvoll, mit der Bedeutung von Musiktherapie- Kenntnissen bei ALLEN an der Therapie beteiligten Berufsgruppen, insbesondere auch beim Pflegepersonal, mit der Notwendigkeit der fachlich-kritischen Prozessbegleitung sowie mit Transparenz und Dokumentation für die ökonomische Sicherstellung. Passend zum Reformationstag klang der Abend mit einem geselligen – auch kulturell vielfältig "gewürzten" Abendessen aus.

 

Am Samstagvormittag zeichnete Ulrike Haase in einem zweiten Grundlagenvortrag dieser Tagung die unterschiedlichen Entwicklungslinien der Ulrike HaaseMusiktherapie in der Suche nach psychotherapeutischer Identifikation nach. Ausgehend von den "Kasseler Thesen" mit ihrem Versuch eines schulenübergreifenden Musiktherapieverständnisses zitierte Frau Haase die Vertreter verschiedener – vorwiegend im Westen Deutschlands beheimateter – musiktherapeutischer Schulen und deren Affinität zu den großen psychotherapeutischen Hauptströmungen. Sie beschrieb sehr anschaulich begriffliche Einordnungsversuche des Schwabe-Konzeptes in Sprache und Kriterien dieser Mainstreams, deren Wirkungsrichtungen es zwar in sich trüge, ohne sich jedoch auf eine bestimmte psychotherapeutische Schule speziell zu beziehen, da es im Kern bereits schulenübergreifend angelegt sei. So zeige das Schwabe-Konzept beispielsweise, dass tiefenpsychologisches Arbeiten mit den Faktoren Wahrnehmen und Beschreiben nicht zwangsläufig an Deutung und Interpretation gekoppelt ist, um Erkenntnisse aufseiten der Patienten zu mobilisieren. Im Bestreben, klientenzentriert den jeweils effektivsten Behandlungsweg zu finden, sei – so Haase – von den Therapievertretern Denklust, Konflikt- und Kompromissfähigkeit, vor allem aber die Rückstellung von Macht- und Rechthabeansprüchen gefragt.

 

Die dichtgedrängten Folgebeiträge des Tages beschrieben die unterschiedlichen Praxiserfahrungen mit Chancen, Grenzen, Möglichkeiten und Behinderungen der Tätigkeit von Musiktherapeuten, die dieses "Handwerk" meist nicht als Hauptberuf sondern im Kontext verschiedener Grundberufe ausüben und sich damit immer wieder im Spannungsfeld beruflicher, institutioneller und personalpolitischer Zugehörigkeiten positionieren müssen. Der Bogen des weitgefächerten Erlebens spannte sich dabei von selbstbewusster Eingliederung des Angebotes von Musiktherapie in die Umstrukturierungsphase einer Rehaklinik - inclusive Schnupperstunden für das Personal und Begleit-Evaluation - über Befindlichkeiten und pragmatischen Umgang mit der beruflichen Doppelrolle bis hin zu erheblichen Akzeptanzproblemen in einem als verschlossen erlebten Arbeitsumfeld. Dr. med. RöhrbornIn der Zusammenschau aller Beiträge ließ sich übereinstimmend feststellen, dass Musiktherapeuten häufig auf einem schmalen Feld zwischen mehreren therapiebeteiligten Bereichen agieren und deshalb an ihrem Arbeitsplatz Einbindung in ein verlässliches Setting, eine "Heimat" brauchen, um sich austauschen und mitteilen zu können. Neben einer soliden Ausbildung hängt die Arbeitszufriedenheit nach Meinung der meisten Tagungsteilnehmer vor allem davon ab, wie beherzt Musiktherapeuten Möglichkeiten zur Integration ergreifen und wie angemessen sie in ihren Erwartungen dabei zu Werke gingen. Führende Positionen – wie z.B. die eines Chefarztes – böten gewisse erleichternde Bedingungen bei der Therapieeinführung, seien gleichzeitig aber immer dem Augenmaß der Budgetabhängigkeit verpflichtet, wie der ehemalige Leiter der Psychosomatischen Klinik in Erlabrunn, Dr. med. Röhrborn, bemerkte.

 

Den Abschluss der Referate bildete der Vortrag, den Axel Reinhardt, Musiktherapeut am Uniklinikum Dresden sowie Lehrmusiktherapeut und Supervisor an der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen, ausgearbeitet hatte, infolge einer schweren Erkrankung jedoch nicht selbst halten konnte. Stellvertretend für ihn verlas Christoph Schwabe das Manuskript, das sich unter der Frage: "Was bewegt Musiktherapeuten?" zu Erfahrungen eines Supervisors mit Selbstwahrnehmung und –darstellung von Musiktherapeuten äußerte In einem klar strukturierten Überblick konstatierte Reinhardt mit Blick auf unterschiedliche Bildungs- und Berufsherkunft, ein ungesichertes Berufsfeld und oft belastende Arbeitsverhältnisse bei Hochschulabsolventen – trotz großer Dichte an Faktenwissen - eine häufig "praxisferne" Einschätzung der realen musiktherapeutischen Arbeitsbedingungen, was zu einer mangelhaften Vorbereitung auf den Berufsalltag führe.

 

Den berufsbegleitend Ausgebildeten bescheinigte Axel Reinhardt im Vergleich dazu eine bessere Vorbereitung auf das musiktherapeutische Arbeitsleben aufgrund ihres bereits bestehenden beruflichen Praxisbezuges. Probleme gebe es hier vor allem mit Rollenkonflikten durch mangelnde Transparenz und Identitätsunsicherheit. Desgleichen trage die ungeklärte Frage des Vergütungsanspruchs für diese Tätigkeit zur Verunsicherung bei.

 

Persönlichkeitsbedingte Gefahrenstellen, die die musiktherapeutische Tätigkeit behindern können, sah Reinhardt u.a. dort, wo Therapeuten persönliche Konflikte unbewusst in der Therapeut-Patientenbeziehung ausagieren, überfordernder Leistungsdruck auf Selbstwertproblematik trifft, unrealistische Erwartungen an die Akzeptanz der Umwelt bestehen oder unbewusste Ängste Abwehrreaktionen hervorrufen. Offen bleibe, so Reinhardt zum Abschluss seines Vortrages, wie die Ausbilder musiktherapeutischer Schulen darauf reagierten, auf jeden Fall solle, wer sich zu einer Ausbildung entschließt, auf diese Probleme vorbereitet sein.

 

PodiumsdiskussionIn der Podiumsdiskussion zum Abschluss des 7. Sächsischen Musiktherapietages wurde noch einmal auf verschiedene Sichtweisen dieser Therapie - z.B. als Fremdkörper, geschätzte Möglichkeit oder Konkurrent - Bezug genommen, ihre Alltagspotenz sowie persönliche Herausforderungen erörtert. Im Schlusswort warb Ulrike Haase für die Lust zur fachlichen Auseinandersetzung, dankte den Gastgebern für die hervorragende Organisation der Veranstaltung und gab den Teilnehmern als kleines Geleitwort mit auf den Weg: "Bleiben Sie mutig, um wirksam zu sein!"

 

Weitere Bilder in der Bildergalerie.

 

Musik- und Kunstfestival mit wissenschaftlichem Forum 2008

 

Das war unser Musik- und Kunstfestival

 

Vom 27.6. bis 29.6.08 fand in Sondershausen in Thüringen das Musik- und Kunstfestival mit wissenschaftlichem Forum, veranstaltet von der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung zur Förderung des Konzeptes nach Schwabe e.V. (DMVS e.V.) und der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie (KHS), Medizinische Sektion am Goetheanum, Dornach (Schweiz) statt.

Anliegen des Festivals war es, dass „Menschen mit vielerlei Begabungen und mancherlei Behinderungen miteinander musizieren, spielen, tanzen, gestalten, reden, hören, diskutieren, singen…“ - so auch der Untertitel des Festivals. Um es vorwegzunehmen - das ist uns zu unserer großen Freude in hohem Maße gelungen, vieles übertraf sogar unsere Erwartungen.

 

Die Idee

 

Aber zunächst ist es uns wichtig, in einem Rückblick etwas darüber zu berichten, wie es dazu kam, dass dieses Festival stattfinden konnte. Die Idee hierzu hatten Herr Prof. Peter Petersen, emeritierter Professor am Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien in Hannover, und Herr Dr. Christoph Schwabe, Lehrmusiktherapeut, Gründer und bis 2005 Leiter der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen. Sie stellten fest, dass einerseits viel zu oft auf Tagungen und Kongressen über Menschen mit einer Behinderung gesprochen wird und andererseits deren künstlerische Beiträge bei Veranstaltungen künstlerischer Therapeuten oft nur Rahmenprogramm sind. Außerdem waren Herr Petersen und Herr Schwabe aus eigenem Erleben begeistert von den Begabungen und Talenten so genannter behinderter Menschen in der bildenden Kunst, Theater, Tanz und Musik. Um diese Leistungen mehr in den Blickpunkt einer breiten öffentlichkeit zu rücken, erschien die Form eines Festivals als geeignete Möglichkeit.

Gleichzeitig sollte das Thema aber auch von der wissenschaftlichen Seite beleuchtet und die Verbindung zwischen dieser und der unmittelbar handlungspraktischen Ebene hergestellt werden. Die Frage, was Therapie für Menschen mit Behinderung ist und wie sie aussehen kann, wie sie sich von Pädagogik und Betreuung abgrenzt und was sie mit diesen gemeinsam hat, ist eine wichtige, auf der theoretischen Ebene noch zu wenig geklärte, geschweige denn gelöste, Frage. Überlegungen zu dieser Thematik sollte sich ein parallel stattfindendes wissenschaftliches Forum widmen.

Die Organisation führte dann zu einer sehr erfreulichen Kooperation zwischen der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung zur Förderung des Konzeptes nach Schwabe e.V. (DMVS e.V.) und der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie (KHS) aus Dornach in der Schweiz, vertreten durch deren Leiter, Herrn Dr. Rüdiger Grimm.

 

Die Vorbereitung

 

Die Vorbereitungen für das Festival begannen im November 2006. Die Initiatoren Peter Petersen und Christoph Schwabe fanden engagierte Menschen, die ehrenamtlich mit der Organisation begannen. Erste Aufgaben waren zum einen inhaltlich-übergreifende Überlegungen, das Anliegen des Festivals und die Möglichkeiten seiner Umsetzung zu konkretisieren, zum anderen musste geklärt werden, welches Publikum angesprochen werden soll. Letzteres diskutierten wir ausführlich. Einerseits ging es darum, eine breite Öffentlichkeit für dieses Thema zu interessieren. Andererseits erschien es sehr wahrscheinlich, dass unser Projekt bei Menschen, die zum Thema Behinderung einen Bezug haben - ob nun beruflich oder privat - auf großes Interesse stoßen würde. Wir versuchten, eine Lösung zu finden, durch entsprechende Werbung beide Gruppen anzusprechen.

Daneben versuchten wir, Kollegen unterschiedlicher Profession und therapeutischer Ansätze zu gewinnen, die sich mit der wissenschaftlichen Seite künstlerisch-therapeutischer Möglichkeiten in der „Behindertenarbeit“ auseinandersetzen.

Außerdem beschäftigten wir uns mit Finanzierungsmöglichkeiten und schickten das Konzept unseres Projektes an viele Stiftungen, Vereine und weitere mögliche Sponsoren.

Gleichzeitig begaben wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Veranstaltungsort. Diesen Ort fanden wir auf geradezu ideale Weise in der Landesmusikakademie Thüringen mit Sitz im Schloss Sondershausen. Ein wichtiger Punkt für diese Wahl war die Öffentlichkeit der Einrichtung. Wir wollten keine abgeschlossene Einrichtung für behinderte Menschen als Festivalort, sondern einen öffentlichen Ort, um Öffentlichkeit zu interessieren und um die künstlerischen Leistungen mit einer angemessenen Bühne zu würdigen. Bei der Besichtigung der Landesmusikakademie erlebten wir außerdem ein großes Entgegenkommen und eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern und der Leitung der Landesmusikakademie.

Wichtig wurde danach für uns die Erstellung eines „Call for papers - call for Artists“, um mögliche mitwirkende Künstler und Referenten anzusprechen. Wir waren überrascht von der großen Resonanz. Nach der Sichtung der eingegangenen Bewerbungen für künstlerische Beiträge, Vorträge, Ausstellungen und Workshops trafen wir eine Vorauswahl und begannen mit der organisatorischen und inhaltlich-konkreten Planung des Festivals. So entstand das Programm für ein dreitägiges Festival, einschließlich eines wissenschaftlichen Forums, wie im Programmheft ersichtlich. Es gelang uns, eine breite Vielfalt an künstlerischen Darbietungen, Plenumsvorträgen und geselligem Miteinander auf gute Weise zu verbinden. Besondere Programmpunkte waren auch die Ausstellungseröffnungen am Samstagvormittag, das wissenschaftliche Forum am Samstagnachmittag und die parallel dazu angebotenen Workshops sowie der „FeierAbend“ am Samstag, der spontanen künstlerischen Beiträgen der Gäste und Mitwirkenden Raum gab.

Die graphische Gestaltung und der Druck des Programmheftes waren die nächsten Aufgaben. Nach der Fertigstellung wurden ca. 3000 Programmhefte/Einladungen an die verschiedensten Institutionen, Verbände und Einrichtungen in Deutschland und der Schweiz verschickt. Weiterer Bestandteil der Werbung waren Informationen, die wir an Fach- und Lokalpresse sowie an den Rundfunk gaben. Großes Interesse zeigte der Sender mdr-figaro, der während des Festivals eine Reportage produzierte und diese auch in der Woche nach dem Festival sendete. Auch das Internet als Informations- und Anmeldemöglichkeit nutzten wir.

Während der Vorbereitungen standen wir natürlich in regelmäßigem Kontakt zu den Mitwirkenden, um Details wie Honorar, Übernachtungsmöglichkeiten und benötigte Technik zu klären.

Organisatorische Aufgaben, wie Catering-Service, Bereitstellung der Technik, Planung der Raumaufteilung, besondere Wünsche von Mitwirkenden und Gästen und ähnliche „Kleinigkeiten“ beschäftigten uns vor allem in den Wochen vor dem Festival.

Letzte Vorbereitungen fanden dann vor Ort in Sondershausen statt, so dass wir tatsächlich zu Beginn des Festivals das Gefühl hatten, jetzt ist alles bereit.

 

Das Festival

 

Alle im Programmheft angekündigten Künstler, Künstlergruppen, Referenten und Workshopveranstalter reisten zum Festival an, so dass der Ablauf des Festivals wie geplant stattfinden konnte.

Das heißt in konkreten Zahlen:

Über diese Zahlen hinaus, die Aussagen über die Quantität treffen, muss natürlich die Qualität der Beiträge betrachtet werden. Es gab viele bewegende Momente für Künstler und Zuschauer und auch für uns als Initiatoren und Organisatoren, die durch die hohe Intensität der künstlerischen Darbietungen entstanden. Hier sangen, musizierten und spielten Menschen mit Freude und gleichzeitig einem hohen künstlerischen Anspruch an das, was sie darboten. Begeisterung und Professionalität waren bei allen Darbietungen zu spüren. Auffallend waren auch das große Interesse und die Wertschätzung der Teilnehmer für die Beiträge der anderen Künstler. Große Aufmerksamkeit, Nachfragen, viele Begegnungen zwischen den Darbietungen und oftmals sehr langer Beifall waren Zeichen dafür. Großen Anklang fanden auch die bereitgestellten Angebote der Ruheräume, der Räume zur Begegnung und zum Spielen sowie die Möglichkeit bei schönem Wetter im Freien verweilen zu können.

Wie auch im Gästebuch zu lesen ist, waren die Reaktionen und Kommentare seitens der Künstler, Referenten und Gäste sehr positiv.

Ein bedenkenswerter Punkt war für die Organisatoren des Festivals (aber auch für viele Gäste) die geringe Resonanz der Öffentlichkeit auf das Festival. Mit einer Zahl von ca. 70 Gästen (im Vergleich zu etwa 200 Mitwirkenden) blieben wir weit unter den Erwartungen an das Interesse, das wir uns von Musiktherapeuten, Heilpädagogen, Mitarbeitern im Bereich der „Behindertenarbeit“ und einer interessierten Öffentlichkeit erwartet hatten. Wir fragten uns kritisch nach Schwachstellen in der eigenen Vorbereitung (ungünstiger oder zu später Zeitpunkt der Versendung der Programmhefte), mussten aber auch erkennen, dass immer noch zu wenig Interesse für das Leben, die Fähigkeiten und künstlerischen Potenziale von Menschen mit Behinderungen besteht.

Wir stellten aber auch fest, dass das kein Grund zur Entmutigung ist, eher ein Ansporn für künftige Aktivitäten, die auch von vielen Teilnehmern angesprochen und gewünscht wurden.

 

Die Nachbereitung

 

Eine Nachbereitung des Festivals fand auf mehreren Ebenen statt.

Zum einen setzte sich das Organisationsteam nach Abschluss des Festivals zusammen, um eigene Eindrücke und die der Mitwirkenden und Gästen berichteten auszutauschen. Fragen des Ablaufs und der Organisation wurden besprochen, diskutiert und protokolliert.

Eine Auswertung des Festivals mit den Vorständen der beiden veranstaltenden Vereine fand ebenfalls statt. Hier standen neben organisatorischen Fragen vor allem auch inhaltlich-konzeptionelle Aspekte der Auswertung im Vordergrund. Dabei wurde insbesondere die oben angesprochene Bedeutung des wissenschaftlichen Herangehens an die Thematik betont, die es neben allen künstlerischen, geselligen und erlebnisorientierten Angeboten auszubauen gilt.

Außerdem waren umfangreiche abrechnungstechnische Aufgaben zu erledigen.

Eine mediale Aufbereitung des Festivals war ein weiterer wichtiger Punkt der Nachbereitung. Wir entschlossen uns zu einer Dokumentation in Form einer Multimedia-CD, deren Bestandteile Berichte über das Festival, über 300 ausgewählte Fotos, das Programm des Festivals, das Gästebuch, die Referate im Plenum und im wissenschaftlichen Forum, Informationen über die Mitwirkenden und der Rundfunkbeitrag von mdr-figaro sind.

Auch in der Nachbereitung nutzten wir das Internet. Auf den Seiten der Veranstalter sind Fotos und Berichte zu finden.

Wie bereits erwähnt, sendete der Rundfunksender mdr-figaro am 30.6.2008 einen Bericht über das Festival. Einen Impuls für weitere Beiträge gab das Musik- und Kunstfestival ebenfalls - eine mehrteilige Serie über Musiktherapie ist bei mdr-figaro eingeplant.

Berichte über das Festival in musiktherapeutischen, heilpädagogischen und anthroposophischen Fachzeitschriften sind angefragt bzw. bereits realisiert. Die eingeladene Lokalpresse berichtete ebenfalls über die Veranstaltung.

 

Fazit

 

Die Veranstaltung hatte zum Ziel, ein Podium zu bieten, Potenziale und Begabungen von Menschen mit Behinderung im künstlerischen Bereich aufzuzeigen. Die dabei gewählte Form des Festivals, kombiniert mit einem wissenschaftlichen Forum, war in dieser Art neu. Es wurde nicht über Menschen mit Behinderung, sondern mit ihnen gesprochen. Nicht wir „normalen“ Menschen haben ihnen etwas gezeigt, beigebracht, erklärt, sondern es war ein Miteinander, eine Hochachtung für künstlerische Leistungen von Menschen, unabhängig von dem Aspekt einer vorhandenen oder nicht vorhandenen Behinderung. Gemeinsames Erleben von Kunst und der heiteren, ermutigenden Atmosphäre des Festivals schaffte Verbundenheit und lebendige Integration.

Zum Abschluss ein Zitat aus dem Gästebuch, das für uns gleichzeitig Wunsch aber auch Ermutigung zu weiteren Aktivitäten ist: „Es wäre erfreulich, wenn integriertes Miteinander, verbunden mit soviel Schwung zur Selbstverständlichkeit würde.“

 

Musik- und Kunstfestival 2008 Bild 1
Larissa Gebhardt - Vortrag und Gitarrenspiel
viel Aufregung, ganz viel Beifall
Musik- und Kunstfestival 2008 Bild 2
Endlich Sonne im Land Malon…
(Theaterstück - Haus am Karswald)

 

Musik- und Kunstfestival 2008 Bild 3
Der Dirigent der Lautenbacher Blaskapelle
Musik- und Kunstfestival 2008 Bild 4
Welch ein Klang beim gemeinsamen Singen
(Freitag, gemeinsames Singen mit Kerstin Rilke)

 

Mehr Bilder dazu gibt es in der Bildergalerie.

 

Rezension über das Wissenschaftliche Symposium "Musiktherapie mit behinderten Menschen - Anliegen und Realität" der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen und der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung Ost e. V.

 

Unter dem Leitgedanken "Satt - Sauber -Seelisch unterernährt?" führten beide Institutionen vom 5. bis 6. Mai 2006 in der Fachklinik Klosterwald in Bad Klosterlausnitz, dem Sitz der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen, ihr diesjähriges wissenschaftliches Symposium durch, und das vor einem kleinen, aber höchst interessierten Kreis von Musiktherapeuten, die zumeist auch im Bereich der Behindertenarbeit musiktherapeutisch tätig sind. Dabei wäre es durchaus wünschenswert gewesen, wenn sich auch Musiktherapieinteressierte und -tätige aus anderen Arbeitsgebieten, insbesondere den klinischen, eingefunden hätten; denn es ging hier nicht nur um die praktische Arbeit, sondern auch und vor allem um zentrale Fragen der Existenz und der Integration von Musiktherapie in die Realität relevanter gesellschaftlicher Kontexte.

 

Wie sagte uns vor einiger Zeit sinngemäß einer der bekanntesten deutschen Psychotherapeuten in einem Gespräch, wo es um die Integration musiktherapeutischer Leistungen in die vielfältigen Arbeitsgebiete der Behindertenarbeit ging:

"Wenn ihr euch diesem Gebiet zuwenden werdet, dann wird euch das keiner wegnehmen." Und seitdem sinnen wir über diesen Ausspruch nach und fragen uns, was das wohl im Einzelnen bedeuten könnte.

Antworten auf diese Frage bieten sich reichlich an. Ich nenne nur die wichtigsten:

Das ist kein lukratives musiktherapeutisches Arbeitsfeld; da kann man keine Lorbeeren ernten. Diese Leute sind doch keine "Therapiefälle", was soll man da "therapieren"? Man kann sich da nicht einmal mit gestandenen Psychotherapeuten messen oder anlegen; auch kann man mit dieser Arbeit nicht bei den Kassen um Anerkennung fechten. Das ist doch viel weniger interessant als beispielsweise die musiktherapeutische Arbeit mit Menschen, die noch gar nicht geboren sind oder Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Essen haben oder Menschen, die die Welt ablehnen oder Menschen, die nicht wissen, dass sie psychisch krank sind usw.

 

Die Vorträge, die ich hörte und/oder moderierte, sagten etwas anderes: Das Ringen um ein wenig mehr seelische Ausgeglichenheit im Chaoszustand eines Kindes oder eines Alten unter den Bedingungen der realen Lebenssituation und das mit musiktherapeutischen Mitteln, das hat uns nicht selten die Tränen in die Augen getrieben, so ergriffen waren wir von der Arbeit unserer Kollegen, und so abenteuerlich spannend ist deren musiktherapeutische Arbeit, einschließlich des Kampfes um Arbeitsberechtigung bei den Bürokraten, den Besserwissern, den Eltern und anderen, die alle "das Beste" für diese Klientel wollen.

 

Ich verbeuge mich vor den Leistungen meiner Kollegen, die in einem Arbeitsgebiet tätig sind, das ich selbst zwar seit Dezennien kenne, aber selbst nie betreten habe. Und ich entdecke mit Staunen und großer Freude, was Musiktherapie in dieser konkreten Anwendungswelt tatsächlich bewirken kann.

Und nun kommt das Interesse des Forschers und fragt: haben wir uns mit diesem Gebiet eigentlich schon ausreichend befasst? Die Antwort ist eindeutig: Nein. Und daraus resultiert: wir sind es den vielen Menschen, die unsere Hilfe benötigen, dringend schuldig, dass wir uns mit dieser Aufgabe möglichst schnell beschäftigen, um unsere Kollegen, die auf diesem Gebiet musiktherapeutisch erfolgreich tätig sind, noch besser auszurüsten. Das betrifft die Spezifik musiktherapeutischen Handelns bei unterschiedlich gearteten Behinderten; das betrifft die Analyse und Konsequenzen von Integrationsbedingungen musiktherapeutischer Leistungen in die vorhandenen Institutionen und Lebensbedingungen Behinderter, das betrifft nicht zuletzt die Auseinandersetzung über die Terminologie solcher Leistungen, die für uns zwar den Charakter von "Musiktherapie" haben, die aber in der Praxis unter diesem Begriff häufig nicht anerkannt werden.

 

Wie die Praxis der einzelnen Vorträge zeigte, laufen musiktherapeutische Leistungen häufig unter abenteuerlichen Begriffen bis hin zur Freizeitgestaltung. (Vielleicht ist Musiktherapie tatsächlich manchmal am besten oder einfachsten umzusetzen in diesem Rahmen!?) Das verlangt von uns aber eine wissenschaftliche Begründung und die Ausdauer eines beharrlichen Weges, damit das, was unser Konzept von Musiktherapie in Wirklichkeit leisten kann, nicht an den Mauern von Begriffsfixierungen scheitern muss.

 

Was "Musiktherapie" zu realisieren vermag, das zeigte uns in zutiefst bewegender Weise die 8. Klasse mit Schülern der Heilpädagogischen Schule Bonnewitz bei Dresden unter Anregung und Leitung von Andrea Rost und Gunther Erpel mit einem, durch diese Klasse unter Anregung von Andrea Rost selbst gestalteten Musiktheater mit Goethes "Zauberlehrling". Was wir "Normalen" da erlebten, machte uns stumm und andächtig. Wir erlebten nämlich, dass "die Behinderten" Ausdrucksstärke und -qualität zeigten, über die mancher von uns in dieser Offenheit und Vielfalt nicht verfügt.

 

Das ist vielleicht das größte Wunder, wenn man sich Menschen zuwendet, für die wir die Bezeichnung "Behinderte" erfunden haben: Diese Menschen verfügen über Qualitäten, die gerade auch durch Musiktherapie geweckt, geschützt und entwickelt werden können, und die in dieser "Reinheit", aber auch "Gefährdetheit" bei uns "anderen" auf Grund unserer Behinderungen durch die Leistungsgesellschaft, in der wir leben, nur noch selten anzutreffen sind.

 

Ist das nicht Grund genug, dass wir Musiktherapeuten uns mit diesem Arbeitsgebiet beschäftigen sollten? Wir, die Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen, haben das erkannt und werden es verstärkt tun und hoffen auf Verbündete, die da mittun.

 

Christoph Schwabe, Vollmershain

 

2. Wissenschaftliche Tagung der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen und der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung Ost e. V.

 

Improvisation - Therapie - Leben

 

Vom 11. bis 14. November 2004 trafen sich in Bad Klosterlausnitz Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz zur 2. Wissenschaftlichen Tagung der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen und der Deutschen Musiktherapeutischen Vereinigung Ost (DMVO) e. V., die unter dem Thema stand: Improvisation - Therapie - Leben.

 

Mit diesem Motto ist schon der Spannungsbogen angedeutet, den wir auf dieser Tagung schlagen wollten. Die Plenarvorträge an den beiden Vormittagen sollten Musiktherapeuten unterschiedlicher konzeptioneller Orientierungen ein Forum geben, um das Wesen und die Bedeutung von Improvisation als einer wesentlichen musiktherapeutischen Handlungsart aus ihrer Sicht darzustellen. In diesen sehr dicht gepackten und hohe Konzentration erfordernden Referaten ging es beispielsweise um therapeutische Potenzen, die improvisatorisches Handeln im allgemeinen und musikalische Improvisation im besonderen auszeichnet, um Fragen des Settings, die Rolle des mitspielenden oder z.B. in Gruppenimprovisationen nicht mitspielenden Therapeuten, um die Gestaltung von Improvisationen mit unterschiedlichem Klientel, um Fragen der Ästhetik des "Klimperns und Krachschlagens", aber auch um Forschungsansätze bzw. -ergebnisse. Wir sind dankbar, dass wir dafür eine Reihe prominenter Fachvertreter gewinnen konnten. Diese setzten sich dann im Anschluss an die Vorträge noch einmal in einer Podiumsdiskussion zusammen bzw. auseinander und diskutierten Fragestellungen nach dem Wesen der Improvisation sowie ihren Möglichkeiten und Grenzen in der therapeutischen Praxis. Dabei war es eine besondere Herausforderung, einleitend dazu konzentrierte Statements von je einer Minute Dauer abgeben zu müssen, damit noch genügend Zeit zur Diskussion bleibt. Nach einigen anfänglichen Irritationen entwickelte sich ein recht konstruktives Gespräch, das Tendenzen in Richtung gemeinsamer Auffassungen zu Tage förderte. So wurde beispielsweise die Frage nach dem Zusammenspiel von Struktur und Offenheit bzw. Bindung und Freiheit bei der Gestaltung von Improvisationen wesentlicher als der Streit, ob es nun die "freie" Improvisation an sich gibt oder nicht. Auch bei den Anliegen bzw. Zielen improvisatorischen Handelns gab es Übereinstimmungen im Hinblick auf Begriffe wie "Authentizität" bzw. "individuelle Kompetenz in der Beziehungsgestaltung und im Umgang mit den damit verbundenen Gefühlen". Unterschiedliche Auffassungen bestehen z.B. bei der Frage nach dem mitspielenden oder abstinent wahrnehmenden Therapeuten in der Gruppentherapie sowie dem Umgang mit dem musikalischen Material einer Improvisation.

 

Doch sehen wir schon die Tatsache als einen Erfolg, dass es möglich wurde, ganz konkrete Punkte der Übereinstimmung und der Differenz herauszuarbeiten. Hier besteht aus unserer Sicht auch weiterhin die größte Herausforderung an uns Therapeuten, wenn es um das Thema Forschung geht, und hier ist noch viel zu tun.

 

Die zahlreichen parallel stattfindenden nachmittäglichen Symposien und Workshops sollten Einblicke geben, welche Möglichkeiten Improvisation in ganz unterschiedlichen praktischen Anwendungsbereichen hat. Das Spektrum reichte dabei von der Arbeit in der Psychiatrie und Psychotherapie, über Felder der Sozial- und Behindertenarbeit bis hin zur Begleitung Schwerstkranker und Sterbender. Auch pädagogische Arbeitsfelder spielten keine unwesentliche Rolle.

 

Einige Referenten beschäftigten sich mit der Improvisation als Lebensthema, d. h. mit der Wechselbeziehung zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Halt gebender Struktur und Aufbruchsimpulsen aus einer Sicherheit, die zur Eintönigkeit und Erstarrung führen kann. Dieses Thema griff dann zum Abschluss der Tagung Friedrich Schorlemmer in seiner aufrüttelnden Rede zum Thema "Freiheit und Verantwortung" auf und hinterließ eine große Nachdenklichkeit und innere Bewegtheit bei den Teilnehmern. Diese setzte sich fort beim hinreißenden Spiel der RambaZamba - Compagnie, einer Theatergruppe, bestehend aus Schauspielerinnen und Schauspielern mit so genannter geistiger Behinderung, die unter dem Titel "Orpheus ohne Echo" ein altes großes Thema auf eine so unnachahmliche Weise spielten, sangen und tanzten, dass es ans Herz ging. Der Applaus und die Bewunderung für diese großartige Leistung wollten kein Ende nehmen, und die Schauspieler genossen es sichtlich.

 

Nicht unerwähnt bleiben soll abschließend, dass die Tagung neben dem offiziellen Programm Möglichkeiten der persönlichen Begegnung zwischen Kollegen aus unterschiedlichen Landstrichen, Verbänden und Schulen bot, die allerdings durch die Fülle der Angebote und eine hin und wieder spürbare gegenseitige Reserviertheit nur begrenzten Raum hatten. Hier wurde der Wunsch nach mehr laut.

 

Bei der Gestaltung der Abende erwies es sich als günstig, dass Musiktherapeuten sich ihre Musik selber machen können und dass dies kein Beiprogramm, sondern Teil der Tagung war. So gab es Barockmusik, gespielt vom Ensemble "Sächsundpreußisch", das, wie der Name es ahnen lässt, aus Kollegen unterschiedlicher Verbände bestand, die zwischen Thüringen und Hamburg beheimatet sind; es gab "Musikalische Gesellschaftsspiele", zu denen jeder spontan beitragen konnte, es gab Lieder, Klavier- und Tanzimprovisationen, und es gab nicht nur zum Abschluss dieses hinreißende Theater, sondern auch am Beginn der Tagung ein Singspiel, dargeboten von Schülern einer Heilpädagogischen Schule, die uns im Wissen entließ, dass nicht nur wir Therapeuten es sind, die etwas zu geben haben.

 

Ulrike Haase